Balletttraining – Erwartung trifft Realität [Blogtour Tag 5]

Das Wochenende steht vor der Tür und ich darf euch zur Einstimmung ein Thema vorstellen, das mir sehr am Herzen liegt. An dieser Blogtour teilzunehmen bedeutet an diesem Punkt, zwei Bereiche in meinem Leben zu verbinden, die mir viel bedeuten. Wie ihr wisst, bin ich eine Physiotherapeutin auf dem Weg zur Germanistin und heute führe ich mit der Betrachtung dieses Buchthemas, beide Welten zusammen.

Vorurteile

So gern ich unseren lieben Julian auch habe, bevor er Tolya kennen gelernt hat, war sein Blick auf (insbesondere männliche) Tänzer doch sehr oberflächlich. Und ich stelle zumindest immer wieder mal fest, dass nicht wenige Personen die Leistung dieser ebenfalls belächeln und nicht präsent haben, welch immenser Trainingsaufwand dahinter steht. Damit ihr und auch Julian demnächst einen Wissensvorsprung habt und andere Ungläubige aufklären könnt, werden wir zusammen einen Realitätscheck unternehmen.

Um euch entsprechend einzustimmen, füge ich euch dieses tolle Video ein, welches Tänzer vom Washington Ballett und deren schwierigste Teile aus den Choreografien zeigt. Anhand dessen werde ich euch erzählen, was diese Tänzer tun, um dort hinzukommen.

 

Ich denke, sämtliche Bemerkungen wie: „Die hüpfen doch nur mit ihrem Tutu über die Bühne.“ oder „Das sind keine richtigen Männer.“, dürften sich mit der Ansicht dieses Videos bereits erledigt haben. Warum auch das beliebte Vorurteil, dass alle Tänzerinnen essgestört sind, nicht haltbar ist, werde ich extra erläutern. Gehen wir nun also ins Detail.

Fähigkeiten

Kraft

Andile und Chong haben euch da zwei spektakuläre Sprünge gezeigt, deren Höhe allein jedem klarmacht, dass das nur mit einem enormen Kraftaufwand möglich ist. Wenn ihr euch die Oberschenkel der Jungs genauer anguckt, seht ihr auch, wo die das herholen. Wer dachte, dass Balletttänzer sich nur an der Stange (Barre) warmmachen und dann ihre Choreografien einstudieren, der hat sich geirrt. Für diesen und alle anderen Bereiche die ich noch erwähnen werde, gilt vor allem, dass sie die Grundlage für die Möglichkeit der Bewegungsausführung sind. Zwar ist dass Balletttraining an sich ein gutes Allround-Training, wer Verletzungen vermeiden will und den Anspruch hat, besser zu werden, der wird nicht umhinkommen, einige Stunden in sein Krafttraining zu investieren.

Der wesentliche Unterschied zu dem, was man sonst oberflächlich unter einem Krafttraining versteht, besteht darin, dass der Fokus nicht auf dem Masseaufbau liegt, sondern darauf, dass möglichst viele Muskelfasern während des Bewegungsprozesses aktiviert werden können. Der Vorteil: Statt Muskelwachstum wird eine eigentliche Muskelstärkung bewirkt, ohne, dass die Tänzer am Ende wie Poppei nach dem Spinatessen aussehen. Sind wir ehrlich, das wäre nicht halb so ästhetisch und würde eine menge Probleme im Ausdauerbereich verursachen.

Flexibilität

sport-927759_1920Maki zeigt uns nicht nur einen wunderschönen Sprung, sondern auch, dass sie unheimlich beweglich ist, was in der Partnersequenz noch deutlicher zu sehen ist. Um ein solches Bewegungsausmaß zu erreichen ist ein tägliches Dehnprogramm erforderlich, welches meistens statisch durchgeführt wird. Dabei gehen die Tänzerinnen in die Dehnposition und verharren dort 2 – 3 Minuten, auch länger, was aber nicht unbedingt zu empfehlen ist.

Kurz vor Proben oder einem Auftritt sollte von einer so intensiven Dehnung abgesehen werden, da das Zusammenspiel Rezeptor – Nerv- Muskel dadurch leicht beeinträchtigt wird. Falsch gedehnt, besteht ein erhöhtes Verletzungsrisiko.

Für alle, die jetzt traurig sind, weil sie nicht einmal als Baby so beweglich waren: Frauen sind generell beweglicher als Männer (was seinen Preis im schwächeren Bindegewebe hat) und ansonsten muss man bei seiner maximal möglichen Beweglichkeit auch bei den Genen etwas Glück gehabt haben. Wie Maki so schön sagte, das schafft nicht jeder.

Gleichgewicht

Ohne dem geht nichts! Was bei Francesca so leicht, anmutig und mühelos aussieht, ist ein Ergebnis jahrelangen Trainings und Übens. Halten wir uns das genau vor Augen:

Ihr gesamtes Körpergewicht ist auf wenige cm² von wenigen Zehen verteilt und der Fuß ist zudem noch komplett gestreckt. Probiert das mal ohne Spitzenschuh. Stellt euch eine halbe Minute lang auf ein Bein, nehmt das Knie des anderen Beines nach oben und geht dann so hoch wie möglich auf die Zehenspitzen ohne euch dabei irgendwo festzuhalten. Neben der Gleichgewichtsproblematik dürftet ihr eure Sprunggelenke in zittriger Aktion erleben und wenn ihr Pech habt, meldet sich die Wade vielleicht auch noch mit einem Krampf. Und dabei haben wir eine Komponente, noch gar nicht berücksichtig – die Bewegung.

Das Gleichgewicht, welches wir in Ruhe haben, ist nämlich nicht dasselbe, das wir brauchen, wenn wir uns anfangen zu bewegen. Ihr könnt das ganz leicht austesten, in dem ihr die Übung oben einfach nur so abändert, dass sich euer unbelastetes Bein bewegt – vor, zurück, zur Seite. Wenn ihr das nun täglich trainiert und ihr auch mit der Bewegung das Gleichgewicht halten könnt, bedeutet das aber wieder nicht automatisch, dass ihr dasselbe unter Rotation durchführen könnt. Es gibt nur einen einzigen Weg, in allen drei Varianten gut zu werden – jede Form und jede gewünschte Bewegung wird wiederholt, wiederholt, wiederholt, wiederholt … – Keine Abkürzung, kein „multiple Pirouetten lernen in 2 Stunden“. Der Bewegungsablauf muss so sauber wie möglich und gefühlt bis zum Erbrechen durchgeführt und geübt werden. Dabei werden sich die dazugehörigen Körperteile untereinander koordinieren und die Muskeln aufbauen, die die Gelenke der Tänzer stabilisieren/ schützen.

Die Muskeln, die der Körper anspannen muss, um auch nur kleinste Dysbalancen auszugleichen, spannt der Tänzer irgendwann ganz automatisch an. Dazu habe ich ebenfalls ein wunderbares Video für euch. Es geht nur eine halbe Minute, wird euch aber genauso beeindrucken wie mich und zeitgleich deutlich machen, dass Tänzer sich durch bestimmte Dinge einfach durchbeißen müssen. → Bosu Balance

Koordination

Sie ist ebenfalls nirgends wegzudenken, denn sie spielt selbst beim Krafttraining eine große Rolle. Komplexe Körperbewegungen zu einem vorgegebenen und oft schnellen Takt durchzuführen, erfordert ein gutes Körpergefühl und eine unendliche Anzahl an Übungsstunden. Auf die Koordination kommen wir gleich noch einmal zurück, zusammenfassend kann aber schon gesagt werden, dass diese einzelnen Trainingsprozesse nicht losgelöst voneinander betrachten werden können, da sie ineinandergreifen und sich gegenseitig unterstützen.

Ausdauer

Was ihr in dem Video nicht sehen könnt, ist die Schwierigkeit, lange Ballettstücke auch wirklich durchzutanzen. Um das zu erreichen, arbeiten die Tänzer darauf hin, ihre Parts mehrfach hintereinander und ohne dazwischenliegende Pause zu wiederholen. Auf der Bühne neigt der Mensch nun einmal dazu, mehr Energie zu verbrauchen, weil er 110% gibt. Wer in den Proben in der Lage ist ein Stück mehrfach hintereinander durchzutanzen, wird auf der Bühne weniger wahrscheinlich die Kontrolle über seine Bewegungen verlieren. Eine unschöne Performance, Muskelkrämpfe oder Verletzungen durch falsch angespannte Muskulatur, gilt es unbedingt zu vermeiden.

Welches Training die Tänzer zusätzlich machen, um sich das unterstützend zu erarbeiten, hängt von den Vorlieben ab, wobei gerade die Frauen darauf achten, nicht übermäßig Sportarten zu betreiben, die Teilbereiche des Körpers zu „massig“ werden lassen können (z. Bsp. ein breiter Schultergürtel durch Schwimmtraining).

Spezifisches Training

Das Bild, das bei den meisten vor Augen auftaucht, wenn sie sich Balletttraining vorstellen, ist wohl eine Ballerina an einer Ballettstange. Und in der Tat, das Training an einer Solchen ist essentiell.

Ballettstange

tutu-2079978_1920An ihr werden alle Elemente kombiniert, die für das Ballett notwendig sind. Der Tänzer erarbeitet daran von klein auf nicht nur die Grundschritte, sondern die gesamte Körperhaltung/ -spannung und die exakte Position, von der Haarwurzel bis zum kleinen Zeh, zu jeder Bewegung. Das ist nicht nur für das reaktionsschnelle Abrufen der Bewegungen wichtig, sondern auch dafür, dass die Muskeln auf die genau richtige Weise arbeiten. Neben einer Verletzungsprophylaxe werden hierbei diese schönen, klaren und ästhetischen Linien, die das Ballett auch ausmachen, herausgebildet.

Nachdem die Tänzer ungefähr 45 Minuten an der Stange gearbeitet haben, verbringen sie die andere Hälfte der Zeit (für den Ballettunterricht werden 90 Minuten veranschlagt) mit der Ausführung kombinierter Schritte im Raum, sozusagen mit kleinen Minichoreografien. Alle Grundschritte, die an der Stange erlernt werden, müssen schließlich in den freien Raum übertragen werden.

Musik

Ob ihr es glaubt oder nicht, aber das Tanzen zur Musik aktiviert etwas ganz Wunderbares in unserem Körper, das dem Balletttänzer hilft, sich so viele Choreografien zu merken – das Muskelgedächtnis.

Es ist in der Tat so, dass wir mit der Wiederholung der Bewegungen zur Musik, gewisse Tonabfolgen immer mit der dazugehörigen Schrittkombination verbinden. Richtig verknüpft, hilft dieses Muskelgedächtnis unvergleichlich weiter, denn selbst an einem nicht ganz so optimalen Tag, kommt es nicht darauf an, sich die Choreografie aktiv ins Gedächtnis zu rufen, mit dem Klang der Musik, weiß der Körper nahezu automatisch, was zu tun ist.

Proben/ Choreografie

Ich hatte es bereits erwähnt, aber diese Proben sind nichts für schwache Nerven. Es geht bei der Einübung der Choreografie nämlich nicht nur um eine Wiederholung zum Aufbauen der Bühnenausdauer, sondern um winzige Details, die den Tänzer, nachdem die Abfolge erlernt worden ist, zur Perfektion bringen sollen. Natürlich gibt es keine Perfektion in dem Sinne, aber Ballett zu tanzen, bedeutet ganz nahe dran sein zu wollen. Um überhaupt dahin kommen zu können, wird jede Bewegung unter die Lupe genommen.

Auftakt ins Stück: Die Außenrotation der Hüfte ist nicht gut genug – Korrektur nach dem ersten Schritt, der Kopf ist zwei Millimeter zu weit nach links geneigt – Korrektur, der Ellenbogen fiel in einer Bewegung um einen Millimeter nach unten – Korrektur, vor dem Sprung nutzt der Tänzer nicht das volle Potential des Pliés – Korrektur, das Lächeln wirkt etwas gezwungen – besser nicht!, der Bewegungsablauf zu technisch – Korrektur, usw.

Ihr seht, so etwas muss man vertragen können. Die Kritik wird normalerweise sehr konstruktiv vorgebracht und die Tänzer wissen das für sich persönlich zu nutzen. Die Bereitschaft zu akzeptieren, dass jemand einen ganz genau beobachtet und immer auf jeden kleinen Fehler hinweisen wird, ist allerdings eine Grundvoraussetzung. Nur so erhalten wir Zuschauer am Ende dieses Gefühl der eleganten Leichtigkeit, welches dem Ballett innewohnt.

Tagesablauf

Der Tag beginnt, mit Ausnahmen, meistens erst ab 10.00 und in der Regel beginnt er mit einer 90-minütigen Ballettstunde, um den Körper auf das Kommende vorzubereiten.

Danach finden in der Regel Proben zu verschiedenen Ballettstücken statt, die insgesamt mehrere Stunden (4 – 7) lang sein können. Stehen keine Proben an, liegt es in der Selbstverantwortung des Tänzers, sich anderweitig fit zu halten. Pilates und Yoga sind neben allgemeinem Ausdauer- und Krafttraining sehr beliebt.

Es ist dabei trotzdem nicht unüblich, am Abend noch auf der Bühne zu stehen. Durch die Pause, die zwischen den Proben und dem Auftritt besteht, müssen sich die Tänzer erneut gründlich erwärmen und danach trotzdem noch fit und frisch sein, um eine überzeugende Leistung vor Publikum abliefern zu können. Und nun erklärt sich auch, warum die Tänzer meist nicht direkt am frühen Morgen beginnen. Sie brauchen nach dem Auftritt auch genügend Zeit für ihre Ruhephase.

Ich denke, spätestens jetzt ist auch unserem lieben Julian klar, wie Tolya nicht nur die Ballerina so locker durch die Gegend tragen konnte, sondern auch ihn. 😉

Gesundheit/ Ernährung

Dass Balletttänzer meistens kein Gramm Fett mit sich herumtragen und gerade die Tänzerinnen oft sehr grazil und zerbrechlich wirken, erklärt sich jetzt eigentlich auch von selber. Diese 2000 kcal, die so gerne als Maßstab für den Ottonormalverbraucher herangezogen werden, sind nach so einem langen Tag gar nichts zu dem Verbrauch, den ein Tänzer dann hat. Das Bild der stets magersüchtigen Ballerina stimmt mit der Realität nicht wirklich überein. Es gibt einen gewissen Prozentsatz und gerade in Russland sind die Ansprüche an den weiblichen Körper besonders radikal, der in diese Kategorie fällt, was sicherlich durch das enorm leistungsorientierte Umfeld gefördert wird.

Dennoch sollte man eines nicht vergessen: Zu dem individuellen Grundumsatz der Tänzer kommen pro Stunde zwischen 200 – 500 verbrauchte kcal dazu! Und auf der Bühne liegt dieser Verbrauch noch deutlich höher, gerade wenn die Tänzer eine Hauptrolle tanzen. Das zusammengerechnet, ergibt einen Wert, den Nichthochleistungssportler nicht mit sich vergleichen können.

Ballett zu tanzen, bedeutet Hochleistungssport zu betreiben!

Und Balletttänzer, männlich wie weiblich, sind, bei aller Eleganz, enorm gut trainiert und kräftig. Wer sich nicht richtig ernährt, schlecht schläft und anderen Raubbau an seinem Körper betreibt, wird über kurz oder lang an den Anforderungen scheitern, die das Balletttraining an den Tänzer stellt.

Traumjob

So hart das alles auch klingt, es gibt sehr viele, die genau dieses Leben wollen und sich diesem Verschreiben. Dass sich das sehr lohnen kann, möchte ich mit einem abschließenden Video verdeutlichen. Und zwar ungefähr mit der Szene aus dem Buch, die Julian zum Staunen gebracht hat. Ihr seht Federico Bonelli und Lauren Cuthbertson als Romeo und Julia in dem Balkon Pas de deux (Tanz zu zweit):

Und nun hoffe ich natürlich, dass der Beitrag interessant und verständlich war und ihr ein bisschen was mitnehmen konntet. Das ist deswegen auch kein Fachbeitrag, zu jeder Trainingsform und -art lässt sich natürlich noch so viel mehr sagen, für einen groben Überblick, sollte das aber reichen.

Es gibt im Übrigen keine Altersbegrenzung für Ballett. Da es den Körper so vielseitig trainiert, fangen auch immer mehr ältere Menschen bzw. generell Erwachsene damit an. Schaut einfach mal in eurer Nähe nach diesen speziellen Kursen, die es in jeder halbwegs größeren Stadt gibt. 🙂


Mit dem Ende des Beitrages befinden wir uns nun offiziell im Endspurt der Blogtour!

Tagesbeiträge meiner Kolleginnen

  • „Merahwi fragt …“ mit Claudia
  • Franzi und Claudia haben Tolya (den Romeo) für euch interviewt.
  • Das Buchzitat gibt es von Manuela.
  • „Julian fragt …“ mit Isabel

 

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