± Erzählperspektiven – Meine Favoriten

Nach meinem Beitrag ‚Recherche – Relevanz in meinen Rezensionen‚ wollte ich euch gerne einen weiteren Einblick in meine Vorlieben geben. Ich denke, die Frage nach der bevorzugten Perspektive wird nicht weniger heiß diskutiert und ich kenne zu allen Möglichkeiten wenigstens eine Person, die diese als ihre Lieblingsvariante erklärt hat.

Welche Perspektiven gibt es?

Um den Einstieg etwas zu erleichtern, möchte ich nur einmal kurz und grob die vier Optionen erwähnen. Unterschieden wird meist in die auktoriale, die personale, die Ich- und die neutrale Erzählperspektive.

Der auktoriale Erzähler wird auch als allwissend bezeichnet, weil er nicht in den Charakteren drinsteckt, sondern die Geschichte begleitend erzählt, alle Informationen zum Geschehen besitzt, Vorausblicke und Wertungen gibt. Nicht untypisch ist, dass dieser sich auch an den Leser direkt wendet.

Der personale und der Ich- Erzähler sind an sich gar nicht mal so unterschiedlich. Im ersteren Fall wird aus Sicht eines Protagonisten in der 3. Person erzählt, dabei ist der Erzähler aber nicht persönlich anwesend. Alles was der Protagonist erlebt, erfährt auch der Leser und nichts darüber hinaus. Bei dem Ich-Erzähler ist man als Leser ebenfalls auf den Blick, die Gedanken und Gefühle des Charakters angewiesen, allerdings steckt er, im Gegensatz zum personalen Erzähler, persönlich in der Geschichte drin und erzählt diese aus der unmittelbaren Situation heraus.

Der neutrale Erzähler ist nicht anwesend, dazu begleitet und wertet er auch nicht. Hierbei wird eine recht große Distanz geschaffen. Diese Perspektive wird häufig auch als erzählerlos bezeichnet.

Es gäbe noch etwas mehr zu sagen, aufzuteilen und zu differenzieren, aber für meinen kleinen Beitrag reicht diese Miniübersicht vollkommen aus.

Meine Favoriten

Zunächst sollte ich erwähnen, dass der höchste Lesegenuss vorrangig am Autor selber hängt. Auch, wenn mir bestimmte Perspektiven/ Kombinationen weniger eingängig sind, kann ich mich durchaus für diese begeistern, wenn der Autor ein Händchen dafür hat und diese passend zu seiner Geschichte wählt.

Gut umgesetzt, geht für mich allerdings nichts über den personalen Erzähler. Hierbei wird in meinen Augen ein toller Mittelweg zwischen Distanz, Überblick und emotionaler Bindung geschaffen. Dazu bin ich absoluter Fan davon, wenn es nur bei einer personalen Erzählperspektive bleibt und nicht zwischen Protagonisten gewechselt wird. Ich habe es in manchen Rezensionen schon erwähnt, ich liebe es einfach, wie die Welt und andere Protagonisten sich durch den personalen Erzähler entwickeln. Da könnte ich mich ständig drüber begeistern. So ein Bonuspünktchen rücke ich allein deswegen gerne einmal raus.

Mein zweiter Favorit ist der Ich-Erzähler. Mir gefallen hier vor allem die Freiheiten, die er sprachlich bieten kann (z. Bsp. die Prägung durch das soziale Umfeld). Die emotionale Bindung an den Erzähler ist meist sehr intensiv, was ich ebenfalls sehr schätze.

Zu beiden Erzählperspektiven habe ich Lieblingsbücher, die ich, wenn es nicht so seltsam wäre, durchaus anbeten würde.

Unbeliebt

So sehr ich die personale Variante schätze, ich komme mit ihr, im Präsens geschrieben, nicht gut klar. Das blockt den Lesefluss sehr und die Umgebung will sich nicht so richtig entfalten, einfach weil eine Unmittelbarkeit erzeugt wird, die der personale Erzähler in der Form eigentlich nicht erreichen kann. Aber vielleicht müsste ich mir dazu noch mehrere Autoren angucken. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es mit einer konkreten Funktion für die Handlung stimmig sein kann.

Des Weiteren wird es für mich komplizierter, je mehr Perspektiven in der Geschichte vorkommen. Gerade im SP Bereich lese ich häufiger Bücher, in denen auktorialer Erzähler und schlichtes „head hopping“ miteinander verwechselt werden. Einen Beitrag der das gut erklärt und die Folgen dessen aufzeigt, findet ihr im Blog vom Ylva Verlag. Mit so etwas komme ich absolut nicht zurecht und in meinen Augen ist das auch ein handwerklicher Fehler. Es gibt Bücher, in denen sogar gänzlich verschiedene Erzählperspektiven sehr erfolgreich und logisch miteinander verknüpft werden. Ich habe schon einige Thriller gelesen, in denen das der Spannung enorm zuträglich war. Aber dort ist es mit Bedacht geschehen und nicht aus einer unrichtigen Annahme heraus.

Generell gilt für meine Vorlieben: In je weniger Köpfe ich in einem Buch schlüpfen muss, desto besser und eingängiger nehme ich die Geschichte auf. Zwei personale Perspektiven sind mittlerweile gängig und ich kenne einige Bücher, in denen das toll umgesetzt worden ist. Ich mag sogar ein Buch mit 5 personalen Erzählern. Es passte zur Handlung und brachte ein gutes Spannungsmoment mit rein. Vor Begeisterung an die Decke gesprungen bin ich da allerdings auch nicht. Der Mensch ist und bleibt ein Gewohnheitstier und in den meisten Fällen, gibt mir die Geschichte weniger, wenn zu viele Einschnitte enthalten sind (die dadurch zwangsweise entstehen).

Wie schon erwähnt, kenne ich zu vielen Varianten Bücher, auch wenn sie sonst nicht meiner Vorliebe entsprechen. Autoren, die mit ihren Mitteln umzugehen verstehen und diese funktionell einsetzen, werden mich immer begeistern können. Ein wichtiger Grund für das „Nichtmögen“ ist nämlich, die inkonsequente Umsetzung der gewählten Mittel. Und das kommt deutlich häufiger vor, als man es so annehmen würde, gerade beim auktorialen Erzähler. Aber auch in den anderen Perspektiven passiert es schon einmal, dass unwissentlich/ versehentlich/ absichtlicht (?) etwas eingebracht wird, was entgegen der Möglichkeiten des Erzählers ist. Mit ein bisschen Pech entstehen daraus sogar Logiklücken und ja, da kenne ich ein paar Beispiele zu.

Abschließend

Für mich ist das Herausfiltern der Gründe, warum ich die eine oder andere Perspektive lieber mag, unheimlich spannend. Es gibt ja auch noch ein paar „tiefere“ Ebenen unter denen man das betrachten kann. Die Wirkung, so erlebe ich es zumindest, hängt auch an persönlicheren Dingen im Leben des Lesers. Darum ist es nur natürlich, dass jeder etwas ganz Eigenes aus der Situation im Buch mitnimmt.

Gerne lese ich auch von euren Vorlieben. Schreibt mir mal bitte, warum euch die eine oder andere Erzählperspektive so gut gefällt und ob ihr lieber in mehrere Köpfe schlüpft oder lieber in einem bleibt.

2 Kommentare zu “± Erzählperspektiven – Meine Favoriten

  1. Ich hab gern mehrere POVs.
    Nichts schlägt „deep point of view“, wenn er gut gemacht ist. Bei keiner anderen Erzählperspektive fühle ich mich so dicht am Charakter wie beim personalen, der jede Distanz zum Erzähler aufhebt.
    Ich-Erzähler kann toll sein oder total in die Hose gehen.
    Headhopping macht mich wahnsinnig. Die Bücher, die ich vor 20 Jahren gelesen hab, pack ich heute mit den ständigen Perspektivenwechseln von Absatz zu Absatz nicht mehr.

    Gefällt 1 Person

    • Oh ja, den Ich-Erzähler habe ich mindestens so häufig in die Hose gehen sehen, wie den auktorialen. Da braucht der Autor definitiv ein Händchen für.

      Vor 20 Jahren habe ich zwar noch nicht Bücher mit ständigen Perspektivwechseln gelesen, aber dafür habe ich in den Schulbüchern die Geschichten markiert, die ich langweilig finde. 😀

      Aber es stimmt schon, es gibt Bücher in denen ergibt das Sinn und ist notwendig, richtig eingängig sind die allerdings nicht, bzw. mit Arbeit verbunden.

      Gefällt 1 Person

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