± Recherche – Relevanz in meinen Rezensionen

Um es einleitend gleich vorweg zu nehmen: Eine gute Recherche ist für mich die Basis eines jeden guten Buches. Für mich spielt das Genre dabei keine Rolle. Egal ob Sachbuch oder seichte Romanze, Fantasy oder Contemporary – in jedem Buch gibt es Aspekte, die sich nicht einfach nur aufschreiben lassen, sondern einen genauen Faktencheck benötigen. Aber der Reihe nach:

Aus Büchern lernen

Seit ich lesen kann, tue ich es mit Leidenschaft und großem Vergnügen. Es gibt sogar wenige „Zwangsbücher“ (solche, die man in der Schule lesen musste) die ich nicht inhaliert habe. Bis zu einem gewissen Grad kann ich nämlich vielen Büchern etwas Positives abgewinnen. Vielleicht ist es nicht ganz mein Geschmack, aber wie der Autor zur Lösung gekommen ist, war sehr intelligent, ein Plottwist hatte etwas ganz besonderes, eine Botschaft hat mich berührt, die Sprache des Autors hat mich fasziniert, etc.

Ganz oft nehme ich so viel mehr als die eigentliche Handlung mit. Dabei sind es nicht nur „Metabotschaften“ die ich herausfiltere, sondern einfach Fakten und Wissen, das ich vorher nicht hatte. In der Tat kann mich ein Thema so sehr begeistern, dass ich anfange mich näher über im Buch aufgegriffene Themen zu interessieren. Dass die Geschichte u. U. nicht 100%ig so war, wie ich sie mir vorgestellt/ gewünscht hätte, spielt dann eine eher untergeordnete Rolle. Indem mich das Buch auf Details aufmerksam macht, habe ich wieder etwas zurückbekommen.

Dieses gewisse „Extra“ suche ich in Büchern sehr gern. Ich bin kein Freund von ‚berieseln‘ lassen. Ich mag es mitzudenken und mir am Ende einzugestehen, dass es mich gefordert hat. Und je unerwarteter das ist, desto mehr freut es mich.

Ich nehme dazu gut Wissen auf, wenn ich gedanklich positiv auf etwas fokussiert bin. Lernen gestaltet sich dabei für mich erfrischend leicht, während des Lesens und auch danach bei einer Eigenrecherche.

Ungenauigkeiten in Unterhaltungslektüre

Ich möchte es nicht gleich als mangelhafte Recherche bezeichnen, denn am Ende weiß ich nie, wie sehr sich ein Autor tatsächlich mit den Themen auseinandergesetzt hat, aber mir ist schon aufgefallen, dass gerade in den ‚leichteren‘ Genres, Einiges nicht allzu genau dargestellt wird. Ob das am fehlenden Wissen des Autors liegt oder dem ungenügenden Transfer von diesem sei dabei mal dahingestellt, im Ergebnis entstehen teilweise große Logiklöcher und dieses, ihr kennt das bestimmt, „echt jetzt?“-Gefühl.

Ich schrieb es oben schon, in jedem Genre ist Recherche für mich die Basis und selbst wenn es nur eine zuckersüße Romanze ist, komme ich nicht gut mit dem Gefühl zurecht, dass der Autor/ der Verlag die Dinge nicht allzu ernst genommen haben. Ohne weiteres Wissen zu haben entsteht nämlich genau dieses bei mir. Und das ärgert mich enorm. Es ist ja nicht nur so, dass ich jedem Autor Wertschätzung für seine Leistung entgegen bringe (durch meine Zeit, mein Geld und evtl. eine Rezension), ehrlicherweise verlange ich diese auch zurück – in dem ich ein solides Handwerk und qualitativ saubere Arbeit erwarte.

Über Fehler in Sach- und Fachbüchern gibt es meist schnell einen Diskurs (der schon mal sehr deutlich werden kann), bei Fehlern in Unterhaltungsliteratur gibt es dagegen erstaunlich viele, die, wie soll ich sagen, recht unkritisch sind? Ich kann es nicht ganz greifen, aber dieses: „Es ist ja nur Fantasie des Autors und muss nicht so genau sein“, erlebe ich immer häufiger. Und ich frage mich tatsächlich ob es an mir liegt, dass ich diese geringe Erwartungshaltung an Literatur nicht verstehen kann oder ob Genauigkeit heutzutage insgesamt weniger wichtig wird, was ich im Angesicht von AfD, Trump und ‚alternativen Tatsachen‘ irgendwie gruselig finden würde.

Unterscheidungen zwischen Fehlern

Für mich kommt es nicht darauf an, ob es dem Land nicht angepasste Sprachgewohnheiten sind (es ist zum Verzweifeln wie oft das „Du“ außerhalb des deutschsprachigen Raumes angeboten wird), Ungenauigkeiten in der Wohnlage (die Protagonisten wohnen am jeweils anderen Ende der Stadt und sind dann trotzdem in 5 Minuten zur Stelle), Behauptungen, die einfach unrichtig sind oder alles zusammen oder etwas ganz anderes, es ruiniert in dem Moment einfach mein Lesegefühl.

Klingt eventuell hart, aber genau das passiert. Ich verdrehe die Augen und mag erst einmal nicht weiterlesen. Außer es ist so schlimm, dass dieser „Unfalleffekt“ einsetzt und ich vor Entsetzen nicht weggucken kann (was schon passiert ist). Das hat dann so etwas von morbider Faszination. Okay, ich übertreibe ein klein wenig, aber ich bin da tatsächlich recht sensibel.

Grauzone

Es gibt durchaus Themen, die fachintern sehr kontrovers diskutiert werden und ich verlange von keinem Autor, sich damit bis ins tausendste auseinanderzusetzen, wenn es nur ein Randthema im Buch ist. Ein guter Überblick über eine spezielle Krankheit, derzeit gängige Auslegungen oder Weißichwas reicht mir persönlich aus. Denn man sollte schon nicht vergessen, dass die Recherche im Buch nicht der Vordergrund ist, sondern letztlich das Fundament, auf welches die Geschichte gestellt wird. Man kann es zwar nicht wirklich sehen, aber es verleiht Protagonisten, Spannungsbogen und sonstigen Handlungselementen Stabilität.

Keine Kompromisse bei Fehlern

Ja, ich bin in dieser Sache wohl sehr militant. Aber: Hand aufs Herz! Es ist noch nie so einfach gewesen, wie in der heutigen Zeit, an Informationen zu gelangen und sich umfassend aufklären zu lassen. Wenn ich bedenke, welchen Aufwand eine Agatha Christie für ihre Geschichten betreiben musste und auch betrieben hat, um Dinge sachlich und fachlich richtig darzustellen, dann kenne ich da kein Pardon. Für die allermeisten Themen reicht eine 5-minütige Google Suche. Z. Bsp. wie der Ausbildungsablauf für den Beruf des Physiotherapeuten in Deutschland aussieht. Und ja, ich habe das schon gänzlich falsch in einem Buch gefunden (was mich persönlich hart getroffen hat). Greife ich ein selteneres/ heikleres Thema auf, muss ich mir natürlich entsprechend mehr Gedanken machen, wie ich ein solides Wissen erlange. Allerdings gibt es dank Facebook inzwischen so viele Austauschgruppen für Autoren, Fachkräfte kann man heutzutage oft auch einfach mal anschreiben, etc. pp. Der Fantasie und Möglichkeiten sind so gut wie keine Grenzen gesetzt. Man muss sie nur nutzen.

Auswirkung in meinen Rezensionen

Normalerweise bin ich schriftlich deutlich kritischer als ich es am Ende in Sternen ausdrücke. Das hängt auch mit der von mir unterschiedlichen Bewertung der festgestellten Dinge zusammen. Nicht alles was ich anspreche, stört mich auf eine schwerwiegende Weise, der Gesamteindruck zählt zumeist sehr viel mehr.

Ich habe bis jetzt noch kein Buch höher als 3 Sterne bewertet, in dem ich Fehler ausgemacht habe (nicht alles kann man als Leser wissen und dahingehend beurteilen), es werden in der Regel meist aber nur 2. Das liegt bei mir einfach an der hohen Frustration die ich dann beim Lesen empfinde und der Tatsache, dass sich die Handlung im Buch nicht logisch auflösen kann. Alles, was auf einem Recherchefehler aufbaut, ist letztlich nicht nachvollziehbar und schlicht nicht möglich. Das kann ich, bei allem guten Willen, nicht überlesen oder gutheißen und überschattet für mich den Rest. Mit diesem Gefühl, dass da jemand nur mal eben was aufgeschrieben und auf den Markt geworfen hat, komme ich persönlich nicht zurecht. 

Abschlussfazit

Ihr seht, der Spielraum in dem ich über Recherchefehler diskutiere oder mal beide Augen zudrücke, ist eng bemessen. Ich spreche damit natürlich niemandem seine Lesegewohnheiten ab. Ich habe ja oben schon erwähnt, dass Lesen und aktive Denkarbeit für mich idealerweise Hand in Hand gehen. Wer nichts weiterführend mitnehmen möchte, sieht die Dinge sicherlich auch lockerer.

Ihr könnt mir gern eure Gedanken dazu mitteilen, auch (oder gerade), wenn ihr nicht mit mir übereinstimmt. 😉 Ich würde mich freuen, ein paar Meinungen dazu lesen zu können, egal ob Autor oder Leser.

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