꙳Es geschah im Kinderzimmer꙳ – Joyce Egginton

IMAG0471_1Eigentlich wollte ich euch an dieser Stelle den neuen ‚Fitzek‘ vorstellen, aber da erreichte mich ein Buch, welches ich gebraucht entdeckt und dann auch sofort erworben habe. Wer den Beitrag „Es geschah nebenan“ von mir kennt, weiß bereits, dass Joyce Egginton Kriminalfälle anspruchsvoll und kritisch aufarbeitet. „Es geschah im Kinderzimmer“ behandelt einen weiteren Fall, der medial hohe Wellen geschlagen hat und vielleicht auch gerade deswegen, ein sehr verzerrtes Bild in der Öffentlichkeit bekommen hat.

Auch hier wieder eine Warnung: Das Buch behandelt eine Kindstötung, wer weiß, dass er damit nicht gut umgehen kann, sollte vom Buch eher Abstand nehmen, da sehr detailiert darüber berichtet wird.

Allgemeines zum Buch

Das Buch erschien 1994 unter dem Titel „Circle of Fire“ bei William Morrow & Company Inc. und 1996 auf Deutsch im Heyne Verlag. Übersetzt wurde es von Tina Bienert und Dirk Muelder.

Dieses rätselhafte Verbrechen wird auf 454 sehr eingehend beleuchtet. Ich merkte es einleitend schon an und wiederhole es noch einmal: Bitte nicht lesen, wenn ihr ein Problem mit der Darstellung von Gewaltverbrechen habt! Die genauen Umstände des Todes sind nichts für schwache Nerven.

Inhalt und Rezension

Anfang 1991 stirbt die knapp drei Monate alte Kristie Fischer in ihrem Zimmer. Ursache ist ein vorsätzlich gelegtes Feuer. Zu diesem Zeitpunkt ist nur das Au-pair-Mädchen Olivia Riner (aus der Schweiz) anwesend, die auch die Feuerwehr alarmiert, allerdings keinen Versuch unternimmt, das Baby zu retten. Nach den ersten Untersuchungen ist sich die Polizei sicher, dass Olivia den Brand gelegt hat, um Kristie vorsätzlich zu töten. Daraufhin wird sie festgenommen und ein halbes Jahr später von einem Geschworenengericht aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Joyce Egginton, vormals selber von Olivias Unschuld überzeugt, greift alle Fakten und Beweise aus diesem Fall auf und kommt am Ende zu einem anderen Ergebnis. Interviews führte sie hauptsächlich mit der Familie Fischer, Olivia und ihre Familie wollten sich auf Anfrage (auf Anraten ihrer Anwältin) nicht dazu äußern und haben es meiner Recherche nach auch nie wieder getan.

Eine Rundumbeleuchtung kann somit nicht ganz gelingen, allerdings ist das Bemühen zu erkennen, zu einem großen Teil Fakten und Olivia (damals) wohlgesonnene Personen sprechen zu lassen. Nicht wenige haben ihre Meinung nach Beendigung des Prozesses geändert, auch, weil erst später sehr wichtige Informationen bekannt geworden sind.

Die Presse spielt in diesem Fall eine sehr gewichtige Rolle, denn statt dem eigentlichen Opfer, Kristie Fischer, Raum zu geben, gehen die Medien und die Öffentlichkeit dazu über, Olivia zu unterstützen und als ein Opfer polizeilicher Willkür zu betrachten. Geheime Informationen (die nur Staatsanwaltschaft und Verteidigung zugänglich sein sollten) werden verdreht ins Fernsehen gebracht und schnell gerät die Familie Fischer selber in Bedrängnis, auch wenn alle Fakten eine andere Sprache sprechen.

Die Verteidigung agiert im Prozess sehr aggressiv und hat am Ende mit ihrer Ablenkungstaktik Erfolg. Auch, weil der Staatsanwalt keine Linie findet und den entscheidenden Beweis nicht deutlich genug herausbringt. Dazu wurden auch von der Polizei und der freiwilligen Feuerwehr Fehler gemacht, die sich in der Summe günstig für Olivia auswirkten. Ohne jeden Zweifel muss ein Geschworener zu seinem Urteil kommen – und für genügend davon sorgte die Verteidigung, die auch davon profitierte, dass ein weiteres Detail nicht mehr aufgreifbar war. Die besonderen Verhältnisse im Haus, die eine Beteiligung dritter Ausschloss, konnte durch den Neuaufbau nicht mehr nachvollzogen werden.

Das alles ist eindrucksvoll geschildert, wobei ich sagen muss, dass der Fall von Marybeth etwas besser zum Punkt kommt als dieser hier. Es gibt einige Wiederholungen, die über die Länge des Buches auffällig und störend erscheinen. Auch hatte ich hier das Gefühl, dass zu viele (außenstehende) Personen dargestellt werden und zu Wort kommen können. Etwas mehr Fokus auf den eigentlichen Fall und dessen direkte Auswirkungen, hätten dem Buch durchaus gut getan.

Die medialen Verwicklungen kommen dagegen sehr gut heraus und auch die Gründe, warum Olivia so viel Unterstützung erhielt. Was mir ebenfalls gut gefiel, war die Schlussanalyse, mit einem sehr interessanten Ansatz zum Thema „Heimweh“ bei psychisch labilen, jungen Frauen. Dass es vor sehr langer Zeit schon Studien zu gab, hätte ich nicht gedacht und die Parallelen zum Fall Olivia sind fast schon erschreckend.

Joyce gelingt wieder ein sehr packendes Buch, denn trotz des wiederholenden Charakters konnte ich es kaum aus der Hand legen. Es hat mich nachdenklich und auch entsetzt zurück gelassen. Zu dem Schluss, dass der Familie Fischer großes Unrecht getan worden ist, kommt man nach Faktenlage sehr leicht. Allerdings auch zu dem grimmigen Gedanken, dass einseitig und begrenzt durchgeführte Untersuchungen (auch wenn da viele verschiedene Faktoren eine Rolle spielen) zu einem Bumerang werden können.

Das unschuldigste Opfer bleibt in jedem Fall Kristie und ob Olivia es war oder nicht: Ihr Mörder wurde nie zu Verantwortung gezogen.

SternSternSternSternStern leer

Weiterführende Informationen zur Familie Fischer und Olivia Riner

Das letzte Statement, das ich finden konnte, stammt aus dem November 1997. Die Familie hatte im Juni desselben Jahres ein Mädchen, Tonya, adoptiert. Über die Klage, die sie ’93 gegen EF Au Pair (der Organisation, die Olivia zu den Fischers gebracht und nicht sorgfältig ihre Referenzen geprüft hatte (die gefälscht waren)) eingereicht haben, ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht entschieden worden und leider konnte ich zum Ausgang des Verfahrens nichts weiterführendes finden. Quelle Interview Familie Fischer ’97: people.com/archive/when-the-bough-breaks-four-tragedies-vol-48-no-21

Zu Olivia lässt sich nicht mehr viel herausfinden, außer dass sie in der Schweiz wieder bei einem Kinderarzt als Assistentin arbeitete. → New York Times Bericht vom Dezember 1993 zum Fall Olivia Riner

Autoreninformation

Joyce Egginton, geboren in London, hat 20 Jahre lang als Korrespondentin der Zeitung „The Observer“ in New York gearbeitet. Als Autorin beschäftigt sie sich mit ungewöhnlichen Fällen, bereitet diese journalistisch auf und beleuchtet sie aus unterschiedlichen Blickwinkeln, bis hin zu den Auswirkungen auf alle Beteiligten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s