꙳Golden Boy꙳ – Jona Dreyer

imag0311_1.jpgIch hatte mir schon länger vorgenommen diese Rezension zu schreiben, denn das Buch hat mich inhaltlich sehr berührt – positiv und negativ. Es thematisiert häusliche Gewalt und zeichnet ein klares Bild von den Abhängigkeiten, die sich sogar recht schnell entwickeln können. Vorweg muss ich daher wohl sagen, dass es sich bei dieser Geschichte nicht um eine weichgespülte Version handelt, sondern sehr nahe an das herankommt, was viele Menschen (Frauen und Männer) täglich erleben müssen, ganz real und ohne die Möglichkeit zu haben, mal eben das Buch zuklappen zu können. Wer meint das aushalten zu können, wird am Ende ein Buch gelesen haben, das einen über den Moment des Lesens hinaus nimmt und sehr nachdenklich zurück lässt.

Allgemeines zum Buch

Das Print umfasst knapp 400 Seiten und ist Anfang des Jahres 2016 in Eigenregie erschienen. Es ist eher dem Bereich Drama zuzuordnen, auch wenn es eine schöne Gay Romance enthält.

Inhalt und Rezension

Jona Dreyer entführt ihre Leser hier in die Welt der Pornoindustrie. Jordan Fletcher, seines Zeichens sehr erfolgreicher Darsteller, lässt keinen Zweifel daran offen, dass es ein schmutziges und hartes Geschäft ist, weit ab von dem, was Laien sich vorstellen. Sich dabei in einen Drehpartner zu verlieben, ist nicht sehr optimal, erst recht nicht, wenn dieser einen sehr besitzergreifenden und manipulativen Partner hat. Noah ist in dieser Beziehung emotional gefangen und die Chancen, dass er sich befreien kann, scheinen sehr gering, trotz seiner immer stärker werdenden Gefühle zu Jordan.

Von Anfang an habe ich sehr mit Noah gelitten, denn die Beziehung zu Glenn ist alles andere als normal. Der Druck unter dem er steht ist beim Lesen fühlbar, was die Ich-Perspektive schön mit rausarbeitet. Die Angst und das Unwohlsein sind greifbar und haben mich genauso eingefangen wie Noah.

Noah selber ist in seinem Wesen recht naiv und mit sehr wenig Selbstbewusstsein gesegnet, was Glenn gut für sich zu nutzen weiß. Was zu Beginn vielleicht noch etwas unverständlich ist, wird über den Verlauf der Handlung toll eingearbeitet. Noahs verdrehte Gedankenwelt, seine Selbstzweifel, die beständige Angst etwas falsch zu machen und Glenn zu enttäuschen. Diese Gedanken und der Prozess dahinter, lassen die Geschichte so real wirken, als könnte sie direkt nebenan stattgefunden haben.

Jordan, der bei mir unheimlich sympathisch rüber kam, ist mit seinem aufrichtigen Bemühen um Noah, das komplette Gegenteil zu Glenn. Sie sind würdige Gegenspieler und geben dem Buch die nötige Spannung, jeder dabei auf seine Weise. Ereignisse im Maßstab einer Naturkatastrophe sucht man hier dennoch vergeblich, das persönliche Leid von Noah und das was er im Alltagsleben durchmacht, ist allerdings erschütternd genug. Die Dramatik ergibt sich fast von selbst.

Das Buch lebt von den vielen Gegensätzen. Während die Beziehung zu Glenn von physischer und psychischer Gewalt geprägt ist, ist die zu Jordan sehr weich und zart. Fast schon eine Spur zuckrig. Allerdings liest sich das sehr schön, weil so die nötigen Ruhephasen für Noah und den Leser entstehen. Einen weiteren Kontrast bietet Glenn selber, denn das was er nach außen hin zeigt, spiegelt Mitnichten das Erleben in seinem Inneren wieder. Den letzten Teil kann man nur an manchen Stellen erahnen, klar wird jedoch, dass es auch für ihn keinen einfachen Ausstieg aus der Situation geben kann.

Sehr angenehm empfand ich die Tatsache, dass die Autorin auf Klischees verzichtet und auch die Nebenprotagonisten verschonen den Leser mit unnützen Sprüchen im „Verlass ihn doch einfach!“-Stil. Wer sich jemals die Mühe gemacht hat zu ergründen, welche Mechanismen hinter häuslicher Gewalt stecken, der wird meine Erleichterung hierüber gut verstehen können. Überhaupt zeichnet sich das Werk durch eine sehr gelungene Hintergrundrecherche aus. Als Leser hatte ich so das Gefühl, ich würde direkt hinter den Kulissen das Geschehen (z. Bsp. am Set) verfolgen. Auch die oft komplizierte rechtliche Lage bei häuslicher Gewalt bekommt Raum und verdeutlicht, dass Hilfe für Betroffene kein Selbstläufer ist.

Nebenprotagonisten findet man nicht sehr viele, was der Dramatik und dem Spannungsaufbau zwischen den dreien sehr zuträglich ist. Der Fokus bleibt auf den immer schwieriger werdenden Umständen und lenkt die Gedanken nicht ab. Das ist sehr intensiv, bedrückend und in einem hohen Maß besorgniserregend. Es gab viele Situationen in denen ich während des Lesens den Atem angehalten habe, weil es mich so mitgenommen hat.

Fazit: Der Autorin ist mit Golden Boy ein sehr emotionales Buch gelungen, was dazu geeignet ist, die Sicht auf die meist oberflächlich abgehandelte Thematik zu vertiefen. Die psychologischen Aspekte werden schön herausgestellt, wodurch es diesen real anmutenden Anstrich bekommt. Jordan hätte eventuell noch etwas vielschichtiger sein können, allerdings ist auch seine Entwicklung zu jeder Zeit glaubhaft und stimmig. Schreibtechnisch gibt es nichts zu meckern, ich hab mitten in der Geschichte gesteckt und bin auch erst am Ende wieder herausgekommen.

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Hilfe bei häuslicher Gewalt

Egal ob ihr selber betroffen seid oder es bei einer euch nahe stehenden Person vermutet/ annehmt, totschweigen macht es nicht weniger wahr, aushalten nicht irgendwann weniger demütigend und schmerzhaft und niemals trägt die misshandelte Person Schuld daran, dass jemand übergriffig wird. Und diese Übergriffe sind eben nicht nur physischer, sondern auch psychischer Natur.

Für weiterführenden Informationen zum Thema und Hilfsangebote, habe ich mal ein paar Links rausgesucht:

Das Hilfetelefon: https://www.hilfetelefon.de/das-hilfetelefon.html
Kontakt Opferhilfen: http://www.opferhilfen.de/organisationen.html
„Das schwule Anti-Gewalt-Projekt Berlin“: http://www.maneo.de/

Autoreninformation/ -kontakt

Jona Dreyer hat eine eigene Internetseite. Auf www.jonadreyer.de könnt ihr mehr über sie und ihre sonstigen, kreativen Fähigkeiten erfahren. 🙂

2 Kommentare zu “꙳Golden Boy꙳ – Jona Dreyer

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