꙳Es geschah nebenan꙳ – Joyce Egginton

Es geschah nebenanAchtung: Diese Rezension bezieht sich auf wahre Begebenheiten, die für den ein oder anderen eventuell schwer zu ertragen sind. Konkret geht es um eine Mutter, die ihre Kinder umgebracht hat.

Ein Buch, welches ich schon vor vielen Jahren gelesen habe, und das mich nachhaltig berührt und (aus verschiedenen Gründen) sehr beeindruckt hat. Es ist nicht leicht zu verdauen, da man hierbei berücksichtigen muss, dass es sich nicht um Fiktion, sondern um einen Tatsachenbericht handelt. Und es ist nahezu unbegreiflich, wie eine Mutter derartiges tun konnte, womit nicht nur der Umstand gemeint ist, dass sie selber diese Taten beging. Die traurige Bilanz des Versagens: neun vergebene Kinderleben.

Allgemeines zum Buch

Auf 425 Seiten wird der Fall Marybeth Tinning beschrieben, beleuchtet und aufgearbeitet. Das Ganze ist sehr detailliert und nimmt sich auch die Freiheit, die vermutliche Vorgehensweise von Marybeth plastisch darzustellen. Ich empfehle daher, obwohl ich dieses Buch persönlich sehr schätze, nicht zu lesen, wenn man dem Thema Kindstötungen oder genauer Beschreibungen von Verbrechen gegenüber sensibel eingestellt ist. Auf der Rückseite des Buches ist so treffend vermerkt: „Ein Tatsachenbericht, der jeden Krimi oder Horror-Roman übertrifft.“, und das sollte man auch ernst nehmen.

Das Buch erschien 1989 unter dem Titel „From Cradle to Grave“ und wurde 1993 in Deutschland (im Heyne Verlag) publiziert. In dieser Zeit galten auch noch andere Rechtschreibregeln, was man hier etwas mitberücksichtigen muss. Dem Verständnis/ Lesefluss tut das allerdings keinen Abbruch.

Inhalt und Rezension

Wie eingangs beschrieben, behandelt dieser Tatsachenbericht die Tötungen von Marybeth Kindern, die sie, bis auf ihr drittes Kind (Jennifer), über einen Zeitraum von 14 Jahren selber getötet hat. Wie das geschehen und wer alles versagen musste, damit es dazu kommen konnte, deckt dieses Buch ungeschönt und detailliert auf.

Was mich so nachhaltig an das Buch gebunden hat, war nicht nur die Thematik, sondern auch die Art und Weise wie es aufgebaut ist. Es beginnt mit dem entscheidenden und letzten Mord an Tami Lynne, für den Marybeth am Ende auch verurteilt wird. Wir lernen sie, genau wie ihre neue Freundin Cynthia, neu kennen und arbeiten uns von der Schale, bis nahe zum Kern vor. Das fesselt von der ersten bis zur letzten Buchseite und lässt einen auch danach nicht so ohne weiteres los.

Das Buch ist in vier große Abschnitte gegliedert und folgerichtig aufgebaut. Das erleichtert das Verstehen dieser Tragödie und bildet den roten Faden, der den Leser auch sicher durch die vielen Interviews von Freunden, Bekannten, Arbeitskollegen, den Behördenmitarbeitern, der Polizei und dem medizinischen Personal führt. Anhand dieser kurzen Aufzählung wird schon deutlich, dass sich die Autorin große Mühe bei der Betrachtung des Ganzen gegeben hat. Ihr kam es definitiv nicht darauf an abzuurteilen, sondern die Umgebung zu erfassen, in der neun Kinder ihr Leben ließen.

Auch wenn die Autorin über die meiste Zeit sehr sachlich bleibt, sind die Gespräche mit den Betroffenen stark emotional geprägt, was an mir nicht vorbei ging. Manches Mal muss man sich auch selber dazu anhalten, nicht alles gleich als Fakt aufzufassen – denn am Ende gab es nicht nur die realistische Beschreibung von Marybeth, sondern auch eine menge Tratsch und Klatsch, worauf die Autorin an wenigen Stellen auch hinweist.

Insgesamt gelingt es ihr gut, dieses soziale Gefüge an den Leser zu bringen. Mithilfe der Ärzte und den Autopsieberichten, zeichnet sie ein recht genaues Bild von den Taten. Was nicht im einzelnen beschrieben ist, setzt sich in der eigenen Fantasie mühelos zusammen. Daher stimme ich absolut darin überein, dass kein Krimi spannender und aufwühlender sein könnte, als dieser Bericht. Denn auch wenn das Ergebnis, die Verurteilung von Marybeth, bereits feststeht, ist es so aufgebaut, dass man sich in die jeweils aktuellen Geschehnisse hineinversetzt und wie ‚live‘ miterlebt. Durch diesen Erzählstil und die tadellos eingefügten Augenzeugenberichte, kommt man gar nicht umhin, dieselben Emotionen zu durchleben, wie die Personen zur damaligen Zeit.

Was mir persönlich gut gefallen hat ist die Tatsache, dass Marybeth auch psychologisch beleuchtet wird und sie nicht nur als Monster in Erscheinung tritt. Die fehlende psychologische Behandlung nach dem Tod ihres Vaters und des dritten Kindes, hat nach Einschätzung aller Experten, eine folgenschwere Kettenreaktion ausgelöst. Der Selbsthass, die Minderwertigkeitskomplexe und die angedeutete traumatische Kindheit von ihr, werden soweit möglich mit bedacht und ergeben am Ende ein stimmiges Bild von der Person Marybeth Tinning. Etwas schwierig ist sicherlich die Tatsache, dass Marybeth selber nichts zu diesem Buch beigetragen hat und auch ihre Mutter, die durchaus vom gestörten (und evtl. vom Missbrauch zerstörten) Verhältnis zum Vater hätte berichten können, sich bedeckt hielt. Klar wird nur, dass sie eine sehr ambivalente Beziehung zu ihren Eltern und insbesondere zu ihrem Vater hatte. Die Möglichkeit, dass sie mit ihrem einzigen Schwangerschaftsabbruch, dass Kind ihres Vaters wegmachen ließ (damals noch illegal), wird vorsichtig in Erwägung gezogen, eine handfeste Aussage gibt es dazu nicht.

Sehr gut dargestellt ist auch das Versagen des ganzen Systems und im Nachhinein kann man wirklich nicht sagen, was hätte anders laufen müssen, damit Marybeth ihre Kinder nicht hätte umbringen können. Angefangen vom Ehemann, dem Krankenhauspersonal/ der Ärzteschaft, der Missbrauchsstelle für Kinder über die Polizei/ Staatsanwaltschaft über die Familie/ Verwandte und Bekannte – einfach alle haben zu wenig miteinander kommuniziert und die Fälle immer losgelöst voneinander betrachtet. Auch sehr wichtig fand ich die Anmerkung der Autorin, dass Marybeth nie ernst genommen worden ist. Ihre auffälligen Verhaltensweisen haben die meisten mal genervt und mal gutmütig ungeduldig zur Kenntnis genommen, dass ein tiefliegendes Problem dahinter steckte, hat niemand sehen können/ wollen. Und obwohl man heute in psychologischer Sicht schon sehr viel weiter ist als zu jener Zeit, geschieht das noch viel zu oft. Daher kann man auch diese tragische Geschichte wieder als mahnendes Beispiel dafür nehmen, dass es sich lohnt genauer hinzusehen und nicht selbstverständlich die einfachste Lösung anzunehmen, nur weil es bequemer ist. In diesem Fall, hätte es vielen Kindern das Leben gerettet.

Am Ende des Buches war ich, wie die Geschworenen, sehr ausgelaugt und geschafft. Trotz des Urteils stellt sich keine wirkliche Erleichterung ein. Wie könnte sie auch, wenn am Ende so viele Babys betrauert werden müssen. Als Leser kommt man zu dicht an die Abläufe heran, als dass es möglich wäre, sich dieser Dramatik zu entziehen. Dieses Buch übertrifft nicht den Horror-Roman weil es besonders grausam ist, sondern weil es real ist. Und sich das bewusst zu machen, ist Horror genug.

Joyce Egginton gelingt ein sehr vielschichtiges und bemüht alle Aspekte beleuchtendes Buch, was die Geschehnisse der 14 Jahre nicht nur zusammenfasst, sondern auch die Missstände der damaligen Zeit toll aufarbeitet.

SternSternSternSternStern

Aktuelles zu Marybeth Tinning

Den ersten Antrag auf Bewährung stellte sie 2007, und dann alle zwei Jahre bis 2015. Alle wurden bisher mit der Begründung abgelehnt, dass sie ihre Tat (sie wurde ja nur für eine verurteilt) nicht bereut (letzter →Bericht← aus der Schenectady Gazette). Bis Januar/ Februar 2017 verbleibt sie damit weiter in Haft, bevor erneut über ihr Bewährungsgesuch entschieden wird. Ihr Mann, Joe Tinning, hält nach wie vor zu ihr und besucht sie regelmäßig im Gefängnis.

Aktuell: Ihr Antrag auf Bewährung wurde erneut abgelehnt. Die Schenectady Gazette berichtete am 20. Februar 2017 über den Fall. Dieses Mal sogar recht ausführlich. →Bericht 2017←

Autoreninformation

Joyce Egginton, geboren in London, hat 20 Jahre lang als Korrespondentin der Zeitung „The Observer“ in New York gearbeitet. Als Autorin beschäftigt sie sich mit ungewöhnlichen Fällen, bereitet diese journalistisch auf und beleuchtet sie aus unterschiedlichen Blickwinkeln, bis hin zu den Auswirkungen auf alle Beteiligten. Ein weiteres bekanntes Buch, welches ebenfalls im Heyne Verlag erschienen ist, trägt den Titel „Es geschah im Kinderzimmer – Warum mußte Kristie sterben?“

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