꙳Aus der Dunkelkammer des Bösen꙳ – Mark Benecke & Lydia Benecke

Aus der Dunkelkammer des BösenDass ich die Veranstaltung „Mord im geschlossenen Raum“ besucht habe, erwähnte ich ja hier bereits in einem Beitrag. Und natürlich bin ich dabei nicht ganz um ein Buch herum gekommen (ein anderes von ihm werde ich mir frecherweise von meinen Eltern leihen 😉 ). Heute lest ihr also meine erste Sachbuchrezension und ich hoffe, ich stelle mich nicht allzu ungeschickt dabei an.

Allgemeines zum Buch

Das Werk ist, wie auch die anderen Bücher von Mark Benecke, von Bastei Lübbe herausgegeben worden. Es erschien 2011, ist mit 400 Seiten recht umfangreich und wird an den wichtigen Stellen auch mit Bildern/ Illustrationen unterstützt. Die vorgestellten Fälle/ Untersuchungen basieren zumeist auf eigenen Erkenntnissen und durchgeführten Experimenten, werden aber auch von anderen Experten untermalt oder von ihnen vorgestellt. Einiges davon ist nichts für schwache Nerven, worauf aber rechtzeitig hingewiesen wird.

Inhalt und Rezension

In „Aus der Dunkelkammer des Bösen“ werden verschiedene Themenkomplexe und Untersuchungen dargestellt und forensisch sowie psychologisch aufgearbeitet. Soweit ich das beurteilen kann, entsprechen die Erkenntnisse den allgemein vorherrschenden, wissenschaftlichen Standards. Schwer verständlich ist es allerdings nicht, da es für ein breites Publikum verfasst worden ist. Auf allzu hochgegriffene Begriffe und Erklärungen ist hier Abstand genommen worden. Ob Absicht oder nicht, die Erklärungen klingen manchmal etwas wiederholend (zur besseren Verständlichkeit der Ergebnisse?).

So die Untersuchungen nicht von Beneckes persönlich durchgeführt worden sind, oder die Erkenntnisse nicht aus eigener Recherche stammen, sind sehr interessante Gesprächspartner zur Stelle, die das Buch inhaltlich toll unterstützen und Teilaspekte der aufgegriffenen Themen verständlich machen.

Die Formulierungen kann man durchaus als sachlich aber auch deutlich beschreiben. Hier wird nichts beschönigt oder um den heißen Brei herumgeredet, die Täteranalysen sehr tiefgehend und ehrlich bewertet. Diese Kombination ist zur Abwechselung mal sehr angenehm und der oftmals verbreitete, sensationsgeile Klatsch den man häufig in der Boulevardpresse findet, kommt hier so gar nicht zum Tragen und wird, soweit es möglich ist, auch vorsichtig kritisiert. Man merkt dem Buch also deutlich seine wissenschaftlichen Quellen an und so sollte es bei einem Sachbuch auch sein.

Etwas befremdlich erschien mir das Themenhopping. Der Wechsel zu anderen Bereichen verliert sich manchmal ein wenig, sodass ich schon einige Male das Gefühl hatte, ins Tausendste abgerutscht zu sein. Das Wiederaufgreifen der eigentlichen Thematik kommt dann an der ein oder anderen Stelle etwas plötzlich. Über die Länge des Buches habe ich mich an die etwas eigenwillige Art gewöhnt. Zumindest muss ich an dieser Stelle dazu erwähnen, dass so eine große Informationsvielfalt zustande kam und eine tiefer gehende Betrachtung der Geschehnisse möglich war. Konsequent wäre es allerdings gewesen, wenn man sich entweder für eine kapitelübergreifende Gestaltung entschieden hätte oder dagegen. Die Gedankensprünge wären dann definitiv besser einzuordnen gewesen.

Außer der Reihe tanzt ein wenig das erste Kapitel „Hitlers Zähne“, da es so gar nicht zu den anderen passen mag. Es liest sich auch am zähflüssigsten und worauf der Fokus liegt, kann man am Ende nicht so einfach beantworten. Als sehr stark habe ich wiederum das abschließende Fazit daraus empfunden. Daher mein Tipp: Das Kapitel unbedingt bis zum Ende lesen! Denn die persönliche Verantwortung eines jeden, wird meines Erachtens nach doch zu oft in den Hintergrund gerückt.

Was mir an diesem Werk besonders gut gefallen hat, ist die Frage nach dem ‚Warum?‘. Nicht um den Mörder besonders gut dastehen zu lassen, damit dieser eine möglichst milde Strafe bekommt (wie es ja manchmal unterstellt wird), sondern um zu verdeutlichen, welch große Bedeutung diese Betrachtungsweise für die Gewaltprävention hat. Das Fazit des Gesamtwerkes, dass mit der Tat, alle vorigen Instanzen versagt haben, ist eindringlich und rührt an dem festen Gedankenmodel, dass man einfach nur die ‚Monster‘ einsperren müsste oder besonders hohe Strafen verhängen muss, damit die teilweise schrecklichen Taten nicht geschehen. Und genau das unterscheidet dieses Buch auf eine sehr angenehme Art von den Stammtischforderungen oder polemischen Forderungen aus der Klatsch-Presse. Wer ein ‚Mehr‘ an Prävention möchte, muss auch ein ‚Mehr‘ in das ‚Warum?‘ stecken. Sehr deutlich wird das auch im Kapitel „Pädophilie“, welches sachlich und doch eindringlich aufgebaut ist. An diesem Beispiel wird anschaulich aufgezeigt, woran es oft hakt und wo man ansetzen könnte. Der Abschluss dieses Buches, greift darauf dann auch noch mal zurück und schließt es wunderbar ab. Dieser Gesamtfokus auf die Prävention gefällt mir außerordentlich gut und zeigt, ohne erhobenen Zeigefinger auf, woran man noch arbeiten muss. Dass eine nicht unbedeutende finanzielle Zuwendung dafür notwendig ist, kann man sich an einer Hand abzählen.

Was mich wieder nachhaltig berührt, und mich schon nach seiner Veranstaltung sehr nachdenklich gemacht hat, ist die manchmal etwas zu blinde Justitia (um die Worte des Buches aufzugreifen). Es ist eine Sache, sich Fehlurteile in der Theorie auszumalen, eine andere, wenn die Menschen hinter solchen (eventuellen) Fehlleistungen der Justiz in allen Details beschrieben werden. Im Buch wird es nicht ganz so ausführlich bearbeitet, wirft aber trotzdem genügend Fragen auf. Zusammen mit der Vorstellung „Mord im geschlossenen Raum“, kommt man nicht umhin zu hinterfragen, warum es keine Wege aus dieser Falle gibt. Ich möchte an dieser Stelle nicht zu ausführlich erläutern, wie es dazu kommen kann, wobei Ursache die falsche Grundannahme ist, aber wer sich damit eingehender beschäftigen möchte, ist mit dem genannten Infotainment und dem Buch gut beraten. Das Ganze ist sehr umfangreich, dafür aber nicht minder schockierend. Diese Kritik am System ist aus meiner Sicht durchaus angebracht. Aber auch hier: Es wird anhand eines Beispieles erläutert, der erhobene Zeigefinger fehlt (angenehmerweise).

Auch wenn das Buch überwiegend sachlich gehalten ist, geben manche Interviews dem Werk eine recht emotionale Note, was das Leid hinter manchen Taten bzw. Tataufarbeitungen greifbar macht. Mir persönlich hat das gut gefallen, da es dem Verständnis der Themen in meinen Augen zuträglich ist.

Abschließend kann ich sagen, dass mir das Buch gut gefallen hat, etwas besser sortiert hätte es aber sein dürfen. Wer Mark Benecke schon einmal live erlebt hat, wird feststellen, dass er das fast genauso hintereinander weg von sich gegeben haben könnte. Erzählt ist das durchaus spannend, schriftlich dagegen manchmal irritierend (insbesondere der Wechsel von forensischer zu plötzlich psychologischer Betrachtung und zurück). Nichts desto trotz macht es Lust auf mehr, die Querverweise sind dahingehend geschickt gestreut, und die wichtigsten Konsequenzen toll ausgearbeitet. Wer sich also eingehender auch mit  Täteranalyse beschäftigen möchte, aus Interesse, zu Präventionszwecken oder vielleicht auch um eine Romanfigur glaubhaft darstellen zu können und ihr Tiefe zu geben, ist mit diesem Buch gut beraten. Die wichtigsten (tatrelevanten) psychischen Störungen sind jedenfalls mit enthalten und an Beispielen erklärt.

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Autorenkontakt/ -information

Mark Benecke findet ihr auf seiner Internetseite http://home.benecke.com und dort verlinkt sind auch alle seine kostenlosen Publikationen (Archiv ⇒ Crime).

Lydia Benecke hat ebenfalls eine Webpräsenz, auf der weitere Werke von ihr zu finden sind.

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